Foto: MQ-Illustrations/adobe stock

Foto: MQ-Illustrations/adobe stock

Aus dem Ausschuss Betriebswirtschaft

Wertekultur im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie leben

Von Beatrix Fuchs, Dipl.-Kff. und Mitglied im LSWB-Ausschuss Betriebswirtschaft

Gemeinwohl-Ökonomie – das klang für mich irgendwie esoterisch, sehr sozial, aber auch weltfremd, da in meinen Augen wohl eher wenig Ertrag bringend. Aber da waren dieser IT-Experte, Geschäftsführer einer sehr erfolgreichen Firma für Rechenzentrumslösungen, und der Bäckermeister, dessen Betriebe, ganz entgegen dem allgemeinen Trend im Bäckerhandwerk, stetig wachsen.

Wir alle wissen, dass wir inzwischen in einem Arbeitnehmermarkt leben. Das Problem des Fachkräftemangels kennen wir in den Steuerkanzleien nur allzu gut. Genau dieses Problem schienen aber diese beiden Firmenchefs nicht oder sagen wir, nicht so stark ausgeprägt, zu haben. Das machte mich hellhörig. Was machen sie anders?

Nun, beide haben eine sehr starke Wertekultur in ihren Unternehmen etabliert. Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Ökologie sind keine leeren Worthülsen, sondern werden aktiv gelebt. Nicht Gewinnmaximierung ist das oberste Gebot, sondern sie sehen ihre Unternehmen als Organismen, die es ständig zu pflegen gilt für das „bessere Leben für Alle“. Das Unternehmen soll als Ganzes vorangebracht werden. Und sie stellen sich die Frage nach dem Sinn und nach der Wirkung ihrer Arbeit.

Haben Sie sich als Steuerberaterinnen und Steuerberater schon einmal die Frage nach dem Sinn Ihrer Arbeit gestellt? Für Ihre Mandanten, Ihre Mitarbeiter, für die Gesellschaft im Allgemeinen und auch für sich selbst? Was motiviert Sie, jeden Tag aufzustehen und genau das zu tun, was Sie machen?

Natürlich arbeitet man in erster Linie, um Geld zu verdienen. Wir alle haben Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen: Wir brauchen etwas zu essen,
Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Aber wir brauchen noch mehr: Menschen brauchen Menschen. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die uns ein gutes Gefühl geben oder eben nicht. Das gilt im Privaten wie im Büroalltag.

Ich für meinen Teil kann nicht sagen, dass mein Beruf schon immer mein Traumjob war. Dass ich Steuerberaterin geworden bin, war eher Zufall. Meine Arbeit hat mich oft an meine Grenzen gebracht. Sie alle kennen das: Termindruck, ständige Änderungen, Mitarbeitermangel, Arbeitsüberlastung – die Liste scheint endlos.

Aber dennoch findet man, insbesondere in kleinen und mittleren Kanzleien, Dinge, die das Leben wertvoll machen: Wertschätzung, Respekt, Vertrauen, gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Es ist uns Beratern, denke ich, oft viel zu wenig bewusst, wie sehr wir das Vertrauen unserer Mandanten genießen, wie sehr sie unsere Integrität, Offenheit und Ehrlichkeit, die Fähigkeit zum Zuhören und unsere Empathie schätzen. Das ist es, was uns ausmacht und von großen Kanzleien – in denen Gewinnmaximierung und Konkurrenzdenken meist über Allem steht – unterscheidet.

Und um wieder auf den Ausgangspunkt zu kommen: Steuerkanzleien arbeiten und denken oft gemeinwohlorientierter, als ihnen selbst klar ist. Es macht Sinn, sich darüber Gedanken zu machen.

„Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten“. So steht es in der Bayerischen Verfassung, Artikel 151. Ähnliche Formulierungen finden sich in vielen anderen Verfassungen demokratischer Staaten.
Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Wirtschaftsreformbewegung, die als Wirtschaftsmodell das Gemeinwohl, Kooperation und Gemeinwesen wieder in den Vordergrund stellt. Auch Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung („Partizipation“) sind Werte der Gemeinwohl-Ökonomie.

Mit Hilfe einer so genannten Gemeinwohl-Matrix (GWÖ-Matrix) können Unternehmen, Gemeinden und Institutionen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen.

Die GWÖ-Matrix beschreibt fünf Berührungsgruppen, die in der Gemeinwohl-Ökonomie betrachtet werden: Lieferanten, Eigentümer & Finanzpartner, Mitarbeiter, Kunden und Mitunternehmen sowie das gesellschaftliche Umfeld. Sie setzt sie in Bezug zu den vier zentralen Werten: Menschenwürde, Solidarität & Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz & Mitentscheidung.

In Kapitel C1 des Arbeitsbuchs zur Gemeinwohl-Bilanz findet man beispielsweise die Überschrift „Menschenwürde am Arbeitsplatz“. Es wird ausgeführt: „Gelebte Menschenwürde zeigt sich in einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur, die auf Respekt, Wertschätzung und Vertrauen aufbaut.“ Als Bewertungshilfen/Interpretation wird beispielhaft aufgezählt:
Personelle Entwicklung, Stärkeneinsatz und Sinnstiftung: Mitarbeitern werden vielfältige Möglichkeiten gegeben, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln, Mitarbeiter werden auf Basis ihrer Talente und Stärken eingesetzt und erleben ihre Arbeit als sinnstiftend.
Klare Aufgabenverteilung, Strukturen und Selbstorganisation: Mitarbeiter haben Klarheit über ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Ein hoher Grad an Eigenverantwortung wird gelebt, das heißt, sie können möglichst viel selbstständig entscheiden und mitgestalten.
Gesunde Arbeitsplätze können geschaffen werden durch: Maßnahmen des Arbeitsschutzes, d. h. ergonomische, gesundheitserhaltende Arbeitsplätze sowie Gesundheitsprophylaxe.
Wer möchte nicht lieber in einem Unternehmen arbeiten, das sich die oben genannten Kriterien auf die Fahne schreibt, sich aktiv und sichtbar um die Belange der Arbeitnehmer kümmert? Die GWÖ Schweiz schreibt dazu:

„Einer der größten Effekte ist die Mitarbeiter-Zufriedenheit und -Identifikation mit dem Unternehmen und seinen Produkten/Dienstleistungen. Sie werden als Arbeitgeber attraktiver und halten gute Mitarbeiter oder können neue für sich gewinnen.“ Das ist genau das, was auch mein Bäckermeister und mein IT-Experte bestätigen. Mitarbeiterbindung und -findung ist für sie kein Problem.

Es ist daher durchaus interessant, sich näher mit dem Thema Gemeinwohl-Ökonomie zu beschäftigen. Für die eigene Kanzlei, aber auch in der Beratung von Mandanten. Das Bewusstsein, dass sich Dinge verändern müssen hin zu einer nachhaltigeren Lebensweise, wächst und jeder kann seinen Beitrag leisten. Das hier bereits ein Messwerkzeug und Reportingverfahren in Form einer Matrix existieren, ermöglicht eine strukturierte Herangehensweise, was uns als Steuerberatern sehr entgegenkommt, noch dazu, wenn das Ergebnis eine Bilanz ist.

„Die Orientierung am Gemeinwohl ist für mich das wichtigste Fundament der Zukunft und damit auch jeder künftigen Produktivitätssteigerung,“ so Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender, Sparda-Bank München eG, die erste Gemeinwohl-Bank Deutschlands.

Auch Christian Felber, Autor des Buches „Gemeinwohl-Ökonomie“ und Mitinitiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung sieht dort die lebenswerte Zukunft: „Unser jetziges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle.“

Und das ist es doch, was wir alle möchten!