Der Mindestlohn kann zu Ausweichreaktionen in die Schattenwirtschaft führen.

Der Mindestlohn kann zu Ausweichreaktionen in die Schattenwirtschaft führen.

Mindestlohn: Ein Fest für die Schattenwirtschaft

Hagen Lesch ist Leiter des Kompetenzfelds Tarifpolitik und Arbeitsbeziehungen am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Im LSWB-Magazin gibt der promovierte Volkswirt eine Prognose ab, welche ökonomischen Folgewirkungen der Mindestlohn haben wird. Darüber hinaus zeigt er auf, wo der preisbewusste Verbraucher die Folgen des MiLoG als erstes spüren wird, und erklärt, warum die Lohnuntergrenze für Wachstumsschübe in der Schattenwirtschaft sorgt.

LSWB-Magazin: Welche Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft sind durch die Einführung des Mindestlohns ganz allgemein zu erwarten?

Hagen Lesch: Durch den Mindestlohn haben je nach Schätzungen zwischen 3,7 und 4,6 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Anspruch auf höhere Löhne. Das wären bis zu 13 Prozent aller Arbeitnehmer. Im Vergleich zum Vereinigten Königreich, wo 1999 ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt wurde, ist das viel. Auf den Britischen Inseln waren damals nur knapp 6 Prozent der Arbeitnehmer betroffen. Die Lohnsumme wird aufgrund des Mindestlohns um 2,5 bis 3 Prozent steigen. Die Bundesregierung hat die daraus resultierenden Kosten für die Unternehmen auf 9,6 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Der Normenkontrollrat ging unter Berufung von Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sogar von 16 Milliarden Euro aus.

Um dies bezahlen zu können, müssen viele Unternehmen ihre Preise erhöhen oder auch Entlassungen vornehmen. Betroffen sind vor allem kleinere Betriebe, insbesondere in den neuen Bundesländern. Durch den Mindestlohn droht auch eine Ausweitung der Schattenwirtschaft. Nach aktuellen Berechnungen des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Linz wird sich die Schattenwirtschaft aufgrund der Mindestlohneinführung um 1,5 Milliarden Euro erhöhen. Denn der Mindestlohn greift ausgerechnet in den Branchen besonders stark in die Löhne ein, in denen die Schattenwirtschaft schon heute hoch ist: in den persönlichen Dienstleistungen, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie und im Baugewerbe.

LSWB-Magazin: Wird das MiLoG Arbeitsplätze kosten?

Lesch: Die Mindestlohnbelastungen werden in einigen Branchen wie im Frisörhandwerk oder in der Landwirtschaft durch Übergangsregelungen abgemildert. Gleichwohl drohen Entlassungen. Das muss nicht automatisch zu einer sichtbar höheren Arbeitslosigkeit führen, weil sich ein entlassener Taxifahrer auch selbstständig machen kann. Eine solche Ausweichreaktion kann lohnend sein, weil ein Selbstständiger nicht gesetzlich dazu verpflichtet ist, einen Stundenlohn von 8,50 Euro zu erwirtschaften. Negative Arbeitsmarktwirkungen werden auch dadurch kaum erkennbar werden, dass die vergleichsweise gute Konjunktur für neue Arbeitsplätze sorgt. Dennoch: Laut Schätzungen des Sachverständigenrats entstehen im Jahr 2015 etwa 100.000 Minijobs und 40.000 sozialversicherungspflichtige Stellen weniger als es ohne Mindestlohn der Fall wäre.

LSWB-Magazin: Betrifft der Mindestlohn die neuen Bundesländer stärker als die alten?

Lesch: Die neuen Bundesländer sind fast doppelt so stark betroffen wie die alten Bundesländer. Nach unseren Hochrechnungen könnte im Osten jeder fünfte Beschäftigte Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn haben, im Westen aber nur gut jeder Zehnte. Das hängt auch mit der Wirtschaftsstruktur zusammen. Im Osten gibt es nicht so viele große Betriebe, außerdem wird in ländlichen Regionen schlechter gezahlt als im Westen.

LSWB-Magazin: Erschwert der Mindestlohn Geringqualifizierten und Berufseinsteigern den Zugang zum Arbeitsmarkt, wie Kritiker befürchten?

Lesch: Für Langzeitarbeitslose sieht das Gesetz eine Ausnahmeregelung vor, außerdem gilt der Mindestlohn erst ab 18 Jahren. Gleichwohl bedeuten 8,50 Euro je Stunde für viele Arbeitsverhältnisse eine erhebliche Verteuerung. Wer keine entsprechende Leistung erbringen kann, muss mit einer Entlassung rechnen. Viel wird davon abhängen, in welchem Umfang die Betriebe die höheren Lohnkosten an die Kunden weiterreichen können. Das Taxigewerbe mit Preissteigerungen von 40 Prozent ist dafür ein Paradebeispiel. Ich bin gespannt, wie sich dies auf die Nachfrage auswirken wird.

LSWB-Magazin: Wo werden Verbraucher die Auswirkungen der neuen Lohnuntergrenzen spüren?

Lesch: Viele Preise werden steigen. Da Industriebetriebe mehr als den Mindestlohn zahlen, verteuern sich Industrieprodukte kaum. Teurer werden hingegen arbeitsintensive Dienstleistungen wie der Haarschnitt, die Taxifahrt oder die Restaurantrechnung. Die derzeit niedrigen Energiekosten fangen das allerdings mehr als auf.

LSWB-Magazin: Gibt es Ihrer Meinung nach Punkte beim MiLoG, bei denen die Politik nachbessern sollte?

Lesch: In der Kritik stehen derzeit vor allem die Dokumentationspflichten der Betriebe zur Arbeitszeiterfassung. Sie werden damit begründet, dass ein gesetzlicher Mindestlohn kontrollierbar sein müsse, sie gelten aber als sehr aufwendig.

LSWB-Magazin: Herr Dr. Lesch, vielen Dank für das Gespräch.

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