Aufbruchsstimmung in der Stunde Null

Aufbruchsstimmung in der Stunde Null

Teil 1 unserer Reihe zur LSWB-Verbandsgeschichte

Von Michael Spotka, freier Journalist

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging, lag
Deutschland in Trümmern. Auch für die bayerischen Steuerberater und Helfer in Steuersachen schien die Lage aussichtslos. Zahlreiche Wohnungen und Büroräume waren zerstört, Akten verbrannt und das Schicksal vieler Mandanten ungewiss. Wirtschaftliche Aktivität war auf ein Minimum beschränkt und fand zum Teil nur noch auf dem Schwarzmarkt statt. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes lag die Macht in den Händen der Alliierten. Rechtssicherheit und Planbarkeit gab es nicht mehr. In der amerikanischen Zone kam erschwerend hinzu, dass die Militärregierung Berufsorganisationen mit Zwangsmitgliedschaft wie Innungen und Kammern nicht mehr zuließ.Die erst 1943 gegründete Reichskammer der Steuerberater hatte deshalb keine Bedeutung mehr.

Der Versuch einer bayerischen Kammerneugründung wurde durch die Amerikaner untersagt. Den Steuerberatern und Steuerhelfern in der mUS-Besatzungszone blieb nichts anderes übrig, als sich in freiwilligen Berufsvertretungen zu organisieren, wenn sie den Unbillen der Zeit nicht alleine begegnen wollten.

Am 5. Dezember 1945 trafen sich Angehörige beider steuerberatenden Berufszweige in München zur Gründungsversammlung des „Vereins der Steuerberater und Steuerhelfer in Bayern e. V.“ Der Verein wurde am 8. Februar 1946 vom bayerischen Wirtschaftsministerium genehmigt. Die beiden ersten Vorstände waren der Steuerberater Dr. Karl Schneider und der Helfer in Steuersachen Josef Hirschberger. Neben dem Hauptsitz in München in der Widenmayerstraße 2 verfügte der Verein von Beginn an über eine Geschäftsstelle in Nürnberg. Sie lag in der Wetzendorfer Straße 10.

In Ermangelung einer Steuerberaterkammer bemühte sich der Verein, deren Funktion zu übernehmen. So nennt die Satzung unter anderem die Aufstellung einheitlicher Grundsätze für die Berufsausübung, die Regelung von Gebührensätzen, die fachliche Förderung und Unterrichtung der Mitglieder sowie die Nachwuchspflege als Ziele. In der steuerrechtlich unübersichtlichen Lage der Stunde Null sah es der Verein auch als seine Aufgabe an, die Steuerbehörden bei der Ausübung und Anwendung der Steuergesetze zu beraten. Außerdem wurde bereits damals mit dem Anlegen einer Fachbibliothek begonnen. Aus ihr entstand die heutige LSWB-Bibliothek, die mit über 4.000 Buchtiteln zu den größten Fachliteratursammlungen in Deutschland gehört.

Vereinsarbeit in Notzeiten

Zunächst prägte die materielle Not im zerstörten Deutschland die beginnende Vereinsarbeit. Die politische Interessenvertretung gestaltete sich jedoch noch schwieriger. Das lag in hohem Maße an der noch unfertigen politischen Struktur im Nachkriegsdeutschland. Die Gesetzgebungsprozesse waren zwischen Militärregierung und deutschen Institutionen geteilt. Einheitliche Regelungen waren so nur schwer zu erreichen.

Der Verein trat von Beginn an für ein Berufsrecht ein, das den Steuerberatern und Helfern in Steuersachen einen gemeinsamen, aber von den prüfenden Berufen gesonderten Status geben sollte. Um eine länder. übergreifend einheitliche Regelung zu schaffen, gründete der Verein im Herbst 1947 mit den Berufsverbänden aus Hessen und Württemberg- Baden eine zonale Arbeitsgemeinschaft. Als im Sommer 1946 bekannt wurde, dass der Länderrat in Stuttgart – ein Vorläufer des Bundesrats – ein „Gesetz über Wirtschaftsprüfer, Bücherrevisoren und Steuerberater“ für die US-Besatzungszone plante, setzte der Verein seine politischen Verbindungen in Gang, um auf den Gesetzgebungsprozess Einfluss zu nehmen.

Das bayerische Wirtschaftsministerium versprach dem LSWB-Vorläufer daraufhin eine Anhörung. Noch bevor diese stattfand, wurde das Gesetz Nr. 105 jedoch vom Länderrat im November 1947 beschlossen und trat am 31. März 1948 in Kraft.

Spaltung des Berufsstands

In diese Zeit fiel auch die erste organisatorische Spaltung der steuerberatenden Berufsvertretung in Bayern. Ein Großteil der Wirtschaftsprüfer, die auch eine Qualifikation als Steuerberaterbesaßen, gründete das „Institut der Steuerberater“. Eine Forderung des Instituts war, dass es Wirtschaftsprüfern und Bücherrevisoren ohne Ablegen einer Prüfung ermöglicht werden sollte, als Steuerberater zu arbeiten – nicht jedoch umgekehrt. Solche Positionen stießen beim „Verein der Steuerberater und Steuerhelfer“ natürlich auf Ablehnung.

Die Auseinandersetzung entschieden letztlich die Amerikaner. Per Direktive der amerikanischen Militärregierung am 29. November 1948 hoben sie in Bayern alle Beschränkungen der Gewerbefreiheit auf. Die Verordnung sah allerdings einige Ausnahmen vor, die weiterhin einer Zulassung bedurften. Darunter fielen unter anderem Architekten, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Bücherrevisoren, nicht aber Steuerberater.

Der Verein und andere Berufsverbände protestierten gegen die Aufhebung der öffentlichen Bestellung. Letztlich wurde der Streit von oberster Stelle entschieden. Der Hohe Kommissar der US-Besatzungszone, John McCloy, erklärte am 15. Juli 1949, dass für Steuerberater und Helfer in Steuersachen weiterhin keine Gewerbefreiheit gelte. Er legte damit den Grundstein für die heutige Ausübung der Steuerberatung als Freier Beruf.

Helfer im Alltag

Doch auch abseits der großen Politik kümmerte sich der „Verein der Steuerberater und Steuerhelfer in Bayern“ um die Sorgen seiner Mitglieder. Aufgrund der angespannten Immobiliensituation in den ausgebombten Großstädten kam es wiederholt zur zwangsweisen Zweckentfremdung von Büroflächen. Hier erreichte der Verein im Mai 1949, dass das bayerische Innenministerium den Arbeitsräumen von Steuerberatern und Helfern die gleiche Dringlichkeitsstufe zuerkanntewie denen von Rechtsanwälten.

Zudem sah es der Verein schon in den Anfangsjahren als eine der wichtigsten Aufgaben an, seinen Mitgliedern die bestmögliche Weiterbildung anzubieten. Die ersten beiden Vorlesungskurse über die Hauptsteuerarten fanden von Herbst 1947 bis Frühjahr 1948 statt. Im Herbst 1948 wurde erstmals ein Rechtskurs angeboten. Im Frühjahr 1949 folgten der erste Vorbereitungskurs für die Steuerberaterprüfung sowie ein Betriebswirtschaftskurs.

Neben dem Weiterbildungsangebot trat der Verein auch als Vermittler für berufliche Möglichkeiten seiner Mitglieder ein. Die Rundschreiben des Vereins – die Vorgänger des LSWB-Magazins – dienten als Vermittlungsbörse für Stellengesuche, Stellenangebote oder die Bildung von Sozietäten. Damit bei allem beruflichen Engagement das Soziale nicht zu kurz kam, veranstaltete der Verein gesellige Zusammenkünfte. Überliefert sind gemeinsame Theaterbesuche, Stammtische und Faschingsfeiern.

In den viereinhalb Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs war somit viel erreicht worden. Der „Verein der Steuerberater und Steuerhelfer in Bayern e. V.“ hat in unübersichtlichen und harten Zeiten gute Arbeit geleistet. Wie sehr er mit seinen Zielen die Bedürfnisse der Zeit traf, lässt sich an den Vereinsbeitritten erkennen. Im Frühjahr 1947 betrug die Mitgliederzahl schon 750 und stieg bis Ende 1949 auf 1.223. Nach den provisorischen Anfängen war die Organisation – als am 23. Mai 1949 das Grundgesetz in Kraft trat – gefestigt und gut aufgestellt für die anbrechenden 50er-Jahre.