Der Berater wird mehr zum Unternehmensberater seiner Mandanten.

Der Berater wird mehr zum Unternehmensberater seiner Mandanten.

Von Sabine Dietloff, Vizepräsidentin des LSWB

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

über wenige Begriffe wird so viel gesprochen und ist dennoch so wenig bekannt wie über die Digitalisierung. Laut einer Untersuchung der Personalberatung Rochus Mummert wissen 56 Prozent der Arbeitnehmer kaum, was sich hinter den Bezeichnungen „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ versteckt. Jeder Dritte hat von diesen Begriffen noch nie etwas gehört, und nur etwa 14 Prozent geben an, dass ihre Arbeitgeber aktiv in diese Themen eingestiegen seien. Dieser Kenntnisstand ist übrigens nahezu unabhängig vom Alter der Arbeitnehmer.

In einer Analyse der Deutschen Bank wird die Brisanz dieser Entwicklung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber offensichtlich: Laut Aleksander Kocic, Managing Director Research der Deutschen Bank in New York, wird „eine neue Technologie zum ersten Mal seit der industriellen Revolution mehr Arbeitsplätze zerstören, als sie neue mobilisieren kann“. Das liegt daran, dass durch die Digitalisierung viele von Menschen ausgeübte Tätigkeiten durch automatisierte Abläufe ersetzt werden können.

Welche Folgen hat das für uns und wie könnte nun  die Steuerkanzlei der Zukunft aussehen?

Ein kleines Team hochqualifizierter Steuerberater und Mitarbeiter ist überwiegend beratend für die Mandanten tätig. Die Buchführung der Unternehmen wird nahezu vollständig digital erledigt. Ausgangsrechnungen und Werte aus der Warenwirtschaft werden per Schnittstelle eingelesen, Eingangsrechnungen im ZUGFeRD-Format* digital übermittelt, Belege gescannt und über OCRErkennung ausgelesen. Diese Daten werden im Rechenzentrum automatisiert verarbeitet, da über den vorhandenen Datenpool genug Erfahrungswerte vorliegen. Nur bei wenigen Geschäftsvorfällen wird eine Rückfrage an den Berater generiert, die dieser völlig ortsungebunden beantwortet.

Die Lohnbuchführung ist ebenfalls ausgelagert, sodass hier keine Mitarbeiterressourcen mehr notwendig sind. Das Kanzleiteam kümmert sich intensiv um die Beratung der Mandanten, gerade die betriebswirtschaftliche Kompetenz wird stärker eingebracht, und der Berater wird mehr zum „Unternehmensberater“ seiner Mandanten.

Das können und wollen Sie sich gar nicht vorstellen?

Das ist Ihr gutes Recht! Sie müssen nicht ganz vorne stehen in dieser Entwicklung und Ihr Berufsbild völlig über den Haufen werfen.

Aber die Frage, ob Sie sich überhaupt mit der Digitalisierung beschäftigen, stellt sich nicht! Wer das Thema „nicht aktiv angeht, wird in fünf oder zehn Jahren nicht mehr in der Wirtschafts- und Arbeitswelt sein“, mahnte EU-Digitalkommissar Günther Oettinger kürzlich in einer Videobotschaft aus Brüssel zur Eröffnung der internationalen Handwerksmesse in München an.

Noch viel mehr gilt das für uns Steuerberater. Schätzungen gehen dahin, dass 60 Prozent der selbständigen Kollegen in den nächsten zehn Jahren vom Markt verschwinden werden. Sie werden Mandate verlieren, die die Möglichkeiten einer modernen Kanzlei schätzen. Sie werden Mitarbeiter verlieren, die Wert auf ein attraktives Arbeitsumfeld legen. Und sie werden ihre Kanzlei nicht mehr verkaufen können, weil diese langsam immer kleiner wird.

Aber es gibt auch gute Nachrichten!

Für die zukunftsfähige Kanzlei genügen im ersten Schritt einige wenige Veränderungen. Eine Steuerkanzlei sollte folgende Mindestanforderungen eingeführt haben:

  • Kontoauszugsmanager
  • Steuerkonto online (früher oder später werden die Finanzkassen keine Auskunft mehr geben)
  • Zugriff auf die Steuerdaten Ihrer Mandanten (Vorausgefüllte Steuererklärung, VaSt)
  • elektronische Übermittlung der Steuererklärungen an das Finanzamt
  • E-Bilanz
  • elektronische Einreichung beim Bundesanzeiger
  • elektronischer Bescheid
  • Online-Lösungen für die Mandanten

Digitalisierung ist ein großes Wort. Das, was davon kurzfristig umzusetzen ist, stellt nichts weiter dar, als die Einführung und Nutzung simpler Anwendersoftware. Und dabei bleibt keiner auf der Strecke.

Verband und Kammer reagieren

Um Sie bei diesem Prozess zu unterstützen, Ängste zu beseitigen und tatkräftig zu helfen, haben wir als Verband gemeinsam mit der Steuerberaterkammer und der Datev eine neue Initiative ins Leben gerufen. Am 25. April 2016 fand hierzu in den Räumen des LSWB in München eine kostenlose Auftaktveranstaltung statt, die unter dem Motto „Digitalisierung – Chance oder Gefahr?“ stand. Münchens Kammerpräsident Dr. Hartmut Schwab diskutierte hier die bundespolitischen Trends. Klaus Richter, Vertrauensberater bei der Kammer, sprach die Erfahrungen und Gedanken von Kollegen an. Johannes Zolk, Steuerberater und Referent im Bereich Kanzleiorganisation, erklärte, wie der schnelle Einstieg in die Digitalisierung gelingen kann. Sollten Sie die Veranstaltung verpasst haben, können wir Sie beruhigen: Weitere werden folgen.

Durch die Entwicklung einer digitalen Kompetenz im Berufsstand tragen wir erheblich dazu bei, dass bundesweit Unternehmer dieses Thema auf ihre Agenda setzen. Wir sind glaubwürdige Multiplikatoren in die Wirtschaft und genießen hohes Vertrauen.

Damit können wir weit über den Tellerrand hinaus positive Trends in der Wirtschaft setzen. Denn die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) stellt Deutschland kein gutes Zeugnis im Bereich der Digitalisierung aus. Besonders der Mittelstand sei wenig innovativ. Hier können wir uns einbringen und unsere Position als Berater des Mittelstandes stärken.