Über die ewig gleiche Frage

Über die ewig gleiche Frage

… und was Goethe dazu meint

Von Sabine Dietloff, Vizepräsidentin des LSWB

Generationen von Philosophen, Dichtern und Denkern, Wirtschaftsführern und Beratern sind sich einig: Die Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens. Und natürlich auch der Kanzlei. Kilometerlange Bücherregale mit respekteinflößenden Titeln, Terabytes von Zitaten und Aphorismen bei Google & Co. legen ein beredtes Zeugnis davon ab. So weit, so gut. Über die Frage aber, wie wir dieses so „wertvolle Gut“ in unsere Kanzlei bekommen und vor allem dort auch halten können, wird seit jeher diskutiert. Auf Symposien, in Verbänden, in Leiterartikeln und auf Messen. Mal mehr oder weniger laut. Aber immer mit neuen Schlagwörtern. Am Ende lamentieren wir dann alle doch wieder über die fehlenden Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt und die gut ausgebildeten Nachwuchskräfte, die uns wieder einmal verlassen haben. Warum ist das so?

Vielleicht weil es um Menschen geht? Und das ist ja eine bekanntermaßen komplizierte Spezies. Vielleicht hilft ein Blick in die eigene Kanzlei – und natürlich auch in die etwas objektivere Wissenschaft. Jedenfalls zeigen langjährige Forschungsarbeiten, dass sich die beliebtesten und attraktivsten Arbeitsplätze durch wenige gemeinsame Charakteristika auszeichnen: Es ist das Vertrauen gegenüber dem Arbeitgeber, der Stolz auf die eigene Arbeit und die Freude an der Zusammenarbeit mit anderen. Das stimmt mit meinen ungleich subjektiveren Erfahrungen überein. Aber was bedeutet das für uns, die Arbeitgeber?

Vertrauen

Das Vertrauen der Mitarbeiter in uns, ihren Arbeitgeber, ist vor allem ein gegenseitiges Vertrauen. Denn die Mitarbeiter vertrauen uns, dass wir ihre Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft erkennen und fördern. Dass wir ihnen unsererseits das Vertrauen schenken, das sie für ihre Arbeit brauchen. Das bedeutet für uns aber, dass wir ihnen auch Verantwortung übergeben und sie ihre Arbeit zunehmend eigenständig erledigen lassen. Die Zeiten sind lange vorbei, dass wir die besten Sachbearbeiter unserer Kanzlei sein sollten. Wir alle müssen lernen, loszulassen. Konstruktive Begleitung unserer Mitarbeiter auf ihrem Weg, der nächste Partner, der beste Spezialist, der wertvollste Team-Assistent zu werden, ist gefragt – Gängelung und ständige Kontrolle der Arbeit aber nicht.

Gefragt ist deshalb auch, unserem „wertvollsten Gut“ eine nachhaltige Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen und damit noch wertvoller zu machen. In manchen Fällen sicherlich auch für unsere Wettbewerber. Das ist nicht immer einfach, gerade mit unseren Leistungsträgern, die wir in unseren Arbeitsprozessen voll eingespannt sehen wollen. Aber es zahlt sich am Ende für beide aus. Damit einher geht auch, dass wir unseren jungen Kollegen glaubhafte langfristige Perspektiven bieten. Das kann nicht immer die Partnerschaft oder die Übernahme unserer Kanzlei sein. Es kann auch bedeuten, dass sich Nachwuchskräfte außerhalb unserer Kanzlei weiter entwickeln können und wollen. Wir sollten es auch zulassen.

Stolz

Auf der Basis dieses Vertrauens wird sich dann auch der Stolz auf die geleistete Arbeit einstellen, der für uns alle unglaublich wichtig ist. Wir sind schließlich alle nur Menschen. Das gilt für zukünftige Partner und Kanzlei- Inhaber genauso wie für die Team-Assistenten und Sachbearbeiter. Diesen Stolz auf die eigene Arbeit müssen wir als Arbeitgeber nicht zuletzt auch durch unser persönliches Verhalten und durch die Reputation unserer Kanzlei in unserer Stadt, Gemeinde, in unserer Nachbarschaft unterstützen. Wir haben auch allen Grund dazu, wie ich finde

Freude

Die Freude und der Spaß an der Zusammenarbeit mit den Kollegen werden ebenfalls wesentlich durch uns, die Arbeitgeber geprägt. Auch dies ist eine Managementaufgabe, der wir uns stellen müssen. Das altbekannte „gute Betriebsklima“ ist nicht durch den jährlichen Wiesn- Besuch zu schaffen. Dazu braucht es Empathie für, Interesse an und Kommunikation mit unseren Mitarbeitern. Wir wollen ihnen helfen, ihre persönlichen und beruflichen Ziele zu erreichen. Sie wollen uns helfen, unsere „gemeinsame“ Kanzlei voranzubringen. Dieser intensive Austausch mit und das echte Interesse an unseren Mitarbeitern kostet Zeit und Energie. Aber es lohnt sich! Für die Mitarbeiter und die Kanzlei!

Langfristige Mitarbeiterbindung ist immer mit Motivation verbunden. Motivation ist aber nichts Materielles. Jedenfalls nicht nur. Gute und über dem Marktpreis liegende Gehälter für überdurchschnittliche Mitarbeiter sind eine Grundvoraussetzung. Wir sollten sie aber auch nicht überschätzen. Denn Motivation zielt vor allem auf die Emotionen ab. Welche Wünsche, Sehnsüchte und Ziele wollen unsere Mitarbeiter verwirklichen – und wie können wir ihnen dabei helfen? Wer diese Fragen beantworten kann, danach handelt und seine Mitarbeiter voranbringt, ist nicht naiv und kein Gutmensch. Er wird nicht nur motivierte Mitarbeiter, sondern auch ein erfolgreiches Unternehmen haben. Davon bin ich überzeugt.

Und wie können Sie jetzt die besten und fähigsten Mitarbeiter für Ihre Kanzlei auf dem Arbeitsmarkt finden? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit Vertrauen, Stolz und Freude nicht nur unsere aktuellen Mitarbeiter binden können, sondern auch zukünftige Mitarbeiter überzeugen. Nicht über Stellenanzeigen, nicht über Jobbörsen, nicht über unseren Internetauftritt. Nein, das geschieht heute vor allem über unsere eigenen Mitarbeiter, die ihren Freunden über ihre verantwortliche, spannende und coole Arbeit sehr ehrlich berichten. Sei es am Abend in der Bar oder im Club – vor allem aber in den sozialen Medien, die für die jungen Nachwuchskräfte schon heute die Informationsquelle Nummer 1 über unsere  Arbeitsplätze sind. Wer hier zukünftig bestehen will, der muss mehr tun, als nur marktkonforme Einkommen zu zahlen.

… und was Goethe dazu meinte

Eine alte Goethe-Weisheit zum Schluss: „Ein edler Mensch zieht edle Menschen an und weiß sie festzuhalten.“ Gerade in unserem Landesverband habe ich über die Jahre anhand zahlreicher Beispiele gelernt, dass eine kluge und interessante Kanzlei kluge und interessante Menschen anzieht – und auch weiß, sie festzuhalten. Das sollte uns allen Mut machen und Ansporn sein, die Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupacken. Wir haben die besten Voraussetzungen dafür.