Foto: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG

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Virtuelles Treffen in der 3D-Zukunftswerkstatt

„Wir brauchen mehr Austausch und Kooperation in der Steuerberaterbranche.“

Von Isabel Blank, Geschäftsführerin in der Haufe Group

Die Initiative „Kanzlei der Zukunft“ beschäftigt sich seit 2018 damit, wie sich die Steuerberaterbranche wandelt und für die Zukunft neu ausrichten muss. Bereits zum dritten Mal sind am 25. November 2020 Steuerberater und Steuerfachkräfte aus ganz Deutschland im Rahmen der Zukunftswerkstatt 2020 zusammengekommen, um gemeinsam am Bild der Kanzlei der Zukunft zu arbeiten – genau genommen trafen sich deren Avatare: Erstmals fand das Event in einer komplett virtuellen 3D-Welt von TriCAT Spaces statt. Die zentralen Erkenntnisse aus den Diskussionen und Workshops hat Isabel Blank, Gründerin der Initiative und Geschäftsführerin der Haufe-Lexware GmbH & Co. KG zusammengefasst.

Überall herrscht Umbruch – in einer Branche ganz besonders: Bei den Steuerkanzleien. Durch künstliche Intelligenz und Automatisierung können viele der bisherigen Aufgaben von Steuerberatern künftig maschinell erledigt werden. Dadurch verlagern sich Arbeits- und Beratungsschwerpunkte und die benötigten Fähigkeiten der Mitarbeiter. Dass es bei der Neuausrichtung der Steuerberaterbranche um weit mehr geht, als bisherige Kernaufgaben mittels digitaler Lösungen zu verschlanken, das macht darüber hinaus die Corona-Krise deutlich. Notwendig ist eine Optimierung der digitalen Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Kanzlei, die Erschließung neuer Geschäftsfelder und die Positionierung der Kanzleien als attraktive und wettbewerbsfähige Arbeitgeber.

Laut einer von lexoffice im Oktober 2020 durchgeführten Umfrage1 unter 391 Steuerkanzleien zeigt sich, dass ein Teil der Kanzleien schon sehr gut zurechtkommt und den Weg der Digitalisierung beschritten hat. Für andere hingegen ist die digitale Transformation noch Neuland. Das bestätigten auch die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt 2020, die sich einig sind, dass die Branche jetzt handeln muss, um eine erfolgreiche Zukunft zu gestalten: „Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Jahren viele Kanzleien schließen werden, weil sie den Anschluss verpasst haben“, so Steuerberaterin Barbara Kutzka. Auch Sarah Klinkhammer, Geschäftsführerin von „Wir lieben Steuern“, und Tanja Palzer, Steuerberaterin aus Rheinland-Pfalz, sehen Aufholbedarf. So werde der langfristige Outcome der digitalen Transformation zu oft außer Acht gelassen. Auch werde sich oft zu sehr auf die Fehler konzentriert, anstatt auf das, was bereits gut laufe. Denn schon heute läuft in vielen Kanzleien, die sich der Aufgabe „Zukunft“ bereits gewidmet haben, vieles in die richtige Richtung. Nicht zuletzt die Erkenntnisse aus den Branchentreffen der „Kanzlei der Zukunft“ haben wertvolle Learnings hervorgebracht, wie die digitale Transformation gelingt und welche Maßnahmen schon heute angegangen werden können.

Branchen-Netzwerke aufbauen und stärken

Um in Zukunft effizient zusammenarbeiten zu können, braucht es mehr Netzwerke – darüber herrscht in der Branche Einigkeit. Kanzleien können sich dann spezialisieren und Synergien mit anderen Kanzleien nutzen, um ihren Mandanten alle benötigen Services anzubieten – auch unabhängig von örtlicher Nähe. Der Trend weist bereits in diese Richtung: „Wir erhalten immer mehr Anfragen von Steuerberater-Kollegen, um zusammenzuarbeiten. Das war vor zwei Jahren noch anders“, sagte Brian Strüver, Steuerfachangestellter und Gründer einer IT-Beratungsfirma aus Dinslaken.

Neue Beratungsfelder und Honorarmodelle

Durch die Corona-Pandemie haben sich Kernaufgaben von Steuerberatern verschoben. Während im Oktober nur noch 27 Prozent der Befragten den Fokus auf Lohn- und Finanzbuchhaltung legten, hat sich der Beratungsschwerpunkt bei der Mehrheit (65 Prozent) der Kanzleien verlagert. Besonders die Beratung hinsichtlich Fördermittel, Liquidität und Kurzarbeit ist derzeit gefragt, das zeigte sich auch bei den Teilnehmern der Zukunftswerkstatt. Künftig werden auch jenseits der Pandemie neue Beratungsfelder hinzukommen, für die sich die Kanzleien aufstellen müssen. Vor allem im Bereich Smart Data: Die Daten, die in den Kanzleien vorliegen, sind ein wertvolles Instrument, um die Beratungsleistungen zu erweitern, Prozesse effizienter zu gestalten und Kunden so bessere Services anbieten zu können. Etwa die Bereitstellung von Branchen- und Wettbewerbsanalysen, Benchmarking oder Zukunftsprognosen.

Mit dem Wandel der Tätigkeiten einher geht auch der Bedarf nach neuen Honorarmodellen: Werden gewisse Tätigkeiten immer mehr automatisiert, müssen diese anders bepreist werden. Wenn sich die Leistungen zugleich mehr auf die Beratung konzentrieren, steigt der Wert der gebotenen Leistung.

Mehr digitale Vernetzung und bessere Schnittstellen Amazon, Zalando Facebook, Google – die Plattformökonomie erobert immer mehr Bereiche. Und auch bei den Steuerberatern werden die Rufe nach einer zentralen Kanzlei-Plattform mit Mandantencockpit und standardisierten Schnittstellen lauter. Durch die Zusammenarbeit wie zwischen der Cloud-Unternehmenslösung lexoffice und der Datev wurde der Informationsfluss zwar bereits deutlich erleichtert. Doch durch die Vielzahl an Software und Tools, die Kanzleien und Mandanten zur Buchhaltung, zu Kollaboration und Kommunikation einsetzen, sind funktionierende Schnittstellen nicht immer gegeben. Und auch manuelle Prozesse sind noch immer Teil des Alltags – sei es der Schuhkarton oder der Pendelordner, der noch immer ein fester Bestandteil des Kanzleialltags ist: Gerade einmal 16 Prozent der Steuerkanzleien haben die Pandemie zum Anlass genommen, den Pendelordner in ihrer Kanzlei endgültig abzuschaffen.

Die digitale Transformation der Steuerkanzlei ist keine Einbahnstraße – auch die Mandanten müssen mitziehen und von den Vorteilen überzeugt werden. 67 Prozent der befragten Steuerkanzleien gaben in unserer Umfrage an, dass Mandanten veränderte Prozesse wie digitale Meetings zumindest teilweise ablehnen. Erst wenn auch der Austausch von Daten und bestenfalls die Kommunikation mit den Mandanten über eine Plattform stattfindet, ist der Weg frei für eine neue Form der Steuerberatung. „Wenn wir Steuerberater in Zukunft überflüssig sind, ist das großartig! Dann können wir uns endlich den wirklich wichtigen Aufgaben widmen. Unser Berufsstand wird so noch besser“, resümierte Tanja Palzer.

Die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt einte auch bei der dritten Ausgabe die Zuversicht und die positive Energie, jetzt ihre Zukunft aktiv zu gestalten, statt sie einfach passieren zu lassen. „Digital“, „innovativ“ und „effizient“ – das waren die am häufigsten genannten Attribute, wie die Kanzlei der Zukunft aussieht. Dazu braucht es starken Zusammenhalt in der Branche, einen engen Austausch mit Mandanten und einen gestärkten Rücken durch Software-Hersteller, die Bedürfnisse in Lösungen umsetzen.

Über die Autorin

Isabel Blank ist Geschäftsführerin in der Haufe Group. Hier ist sie insbesondere für die SaaS-Solution lexoffice verantwortlich, die die Geschäftsbeziehungen von Kleinunternehmern digitalisiert und optimiert.

Weitere Informationen zur Initiative „Kanzlei der Zukunft“: www.zukunftskanzlei.com

 

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1 Die Umfrage wurde im Zeitraum von 7. bis 16. Oktober 2020 online unter 391 Steuerkanzleien durchgeführt. Die vollständigen Ergebnisse stehen hier zur Verfügung: www.lexoffice.de/wp-content/uploads/Steuerberaterbefragung-Corona-lexoffice-Zukunfstkanzlei.pdf